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Poesie – Dichtung mit Gefühl
Poesie war früher ein anderer Ausdruck für Dichtung. Diese umfasst eigentlich die drei Hauptgattungen Drama, Lyrik und Epik und der Begriff Poesie hat sich nun eher auf qualitativer Ebene durchgesetzt. So spricht man beispielsweise von einem poetischen Augenblick oder auch von einem poetischen Film und meint damit zumeist eine bestimmte Ästhetik, die auf denjenigen, der sie wahrnimmt, in bestimmter Weise wirkt.
Das Zeitalter der Romantik
Den meisten Menschen ist der Begriff Poesie vertraut im Zusammenhang mit Poesie-Alben, in denen Kinder und Jugendliche Gedichte, Zitate und Reime ihrer Freunde sammelten. Doch die Poesie geht in der Tat auf Aristoteles zurück. Besonders wichtig war die Poesie für das Zeitalter der Romantik. In dieser Epoche herrschten romantisches Denken und romantische Poesie vor. Das bedeutete Kritik an der Vernunft, Nähe zur Natur und Erleben des Unbewussten. Während dieser Zeit wurden in Romanen poetische Gattungen wie Lied, Märchen oder Einzelerzählung erstmals miteinander verschmolzen und es entstand darüber hinaus auch das Genre der Romanzen. Ebenfalls zu dieser Zeit gab es in literarischer Hinsicht eine Art Rückbesinnung auf das Mittelalter, wie anhand der Märchen der Gebrüder Grimm deutlich wird. Literarische Regeln und Grenzen wurden aufgebrochen und Autoren wie E.T.A. Hoffmann oder Novalis stehen für das Konzept der Vereinigung der Natur mit dem Geist mithilfe von viel Gefühl und Fantasie. Wunderschöne Gedichte, die sowohl von der Bildsprache her wie auch vom Klang äußerst positive Assoziationen hervorriefen, wurden von Dichtern wie Josef von Eichendorff oder Clemens Brentano geschaffen.
Wandlung des Poesie-Begriffs
Bezeichnete Poesie zuvor literarische Werke, so wurde der Begriff im 19. Jahrhundert gegen die Bezeichnung Literatur ausgetauscht. Seitdem war Poesie in erster Linie ein Ausdruck für lyrische Werke. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff Poesie dann eher in emotionalem Kontext verwendet, indem etwas als poetisch galt, das den Wahrnehmenden gefühlsmäßig berührt. Das kann auf verschiedenen Ebenen passieren. Der Poesie-Begriff wurde von den Surrealisten wie André Breton oder Paul Éluard aufgegriffen, sie wollten Poesie und Wissen miteinander verbinden. Dem gegenüber steht die konkrete Poesie. Sie ist modernistisch und reduktionistisch, denn auf literarischer Ebene wird sie zum Experimentierfeld, da die Sprache nicht mehr einen Sachverhalt, einen Gedanken oder ein Gefühl beschreibt, sondern sich selbst darstellt. Wörter, Buchstaben und Satzzeichen stehen für sich, sie werden aus dem Kontext der Sprache herausgenommen und sollen der sprachlichen Reizüberflutung gegenüberstehen.
Dynamische Veränderungen der Poesie
Einen weiteren Bedeutungswandel erfährt die Poesie durch den starken Einfluss der englischen Sprache. Im Englischen bezeichnet das Wort „Poetry“ im Großen und Ganzen das, was im Deutschen „Lyrik“ genannt wird. Im Englischen bezeichnet „Digital Poetry“ den künstlerisch-experimentellen Umgang mit Sprache mit Hilfe von Medien wie Computer und Internet. Im Deutschen wird der Begriff mit „Digitaler Poesie“ statt mit digitaler Lyrik übersetzt. So erfährt die Poesie durch diesen fremdsprachlichen Transfer eine erneute Definitions-Verschiebung. Hier wird deutlich, dass es sich bei Sprache um etwas Dynamisches handelt, das im Kontext des kulturhistorischen Umfeldes veränderlich ist und auch ein auf den ersten Blick so antiquierter Begriff wie Poesie durchaus eine Daseinsberechtigung innerhalb der modernen Kultur innehat.
Foto: Andreas Hilger-Fotolia